Für Sie gelesen: „Lernlust. Worauf es im Leben wirklich ankommt“ – von: Peter M. Endres und Gerald Hüther

Manager (Endres) trifft Hirnforscher (Hüther). In einer Berghütte reden sie unter anderem über „neues Lernen“. „Ein spannender Dialog zwischen einem Topmanager und einem Neurobiologen“, so verspricht der Verlag. Schon das Vorwort, verfasst von Topmanager Endres, zeigt schnell, wohin die Reise gehen wird. „Mitarbeiter sollen tun, was sie wollen. Schüler sollen tun, was sie wollen.“  Endres war von 2003 bis 2013 Chef der Ergo-Versicherung. Dass seine Mitarbeiter auch taten, was sie wollten, stellten sie mit Bordell- und Swingerclub-Einladungen für erfolgreiche Vertreter vor einigen Jahren eindrucksvoll unter Beweis. Folge: Der Ergo liefen die Kunden weg.

Hirnforscher Hüther sorgte 2002 für Aufsehen, als er behauptete, das Anti-ADHS-Medikament Ritalin könnte Parkinson als Spätfolge auslösen. Mit dieser Meinung konnte er sich aber nicht durchsetzen, sie wurde inzwischen von Forscherkollegen widerlegt. Seit einiger Zeit widmet sich Hüther schulischen Themen und geht mit seinen Vorstellungen von einer „neuen Schule“ hausieren.

Das teilweise in Dialogform angelegte Buch enthält zahlreiche Binsenweisheiten, die hochtrabend als „Erkenntnisse“ verkauft werden. So heißt es zum Beispiel „Pflichterfüllung ist gut. Hingabe und Leidenschaft sind besser!“ oder „Besitzstandswahrung ist gut. Entdeckerfreude und Gestaltungslust sind besser!“ Von einem Neurobiologen hätte man eigentlich etwas mehr erwartet als derartige küchenpsychologische Banalitäten. Extrem nervig ist auch der ständige Verweis auf die Online-Plattform für „neues Lernen“ bildungsstifter.de, deren geistiger Vater Hüther ist.

Wissen ist heutzutage nicht mehr so wichtig, denn es kann ja via Internet bis ins kleinste Detail in Sekundenschnelle aufgerufen werden, lautet beispielsweise eine der Thesen. Dies ist eine plumpe Unterstellung. Nur durch das Herunterrattern von reinem Faktenwissen hat in diesem Lande wohl kaum jemand einen Schulabschluss erzielt. Wissen muss zu Können, Fertigkeiten müssen zu Fähigkeiten entwickelt werden. Dies ist keine geniale Forderung eines Herrn Hüther, sondern eine seit Generationen bestehende Realität. Schulen, Universitäten und die Arbeitswelt können so nicht mehr weitermachen, wie bisher. Auch diese Erkenntnis zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Werk. Es gibt keine Begabungen, keine Talente, jeder kann alles, die Schule muss es nur wollen. Lehrer und Schulen werden hier als regelrechte Lernverhinderer verunglimpft. Dass was die Autoren als Auswege aus diesem vermeintlichen Notstand sehen, ist eine Reise in das Reich der Utopien.

Die Taktik, die hier verfolgt wird, ist durchsichtig wie eine Frischhaltefolie: In Ehren ergraute liedermachende Sozialrevoluzzer aus den Siebzigern will heute keiner mehr sehen,  pädophile Pädagogen aus dem Odenwald fallen als Vorzeigereformer aus verständlichen Gründen auch aus, also muss man sich neuer Köpfe bedienen, um alte Ware neu verpackt zu verkaufen. Ein Hirnforscher, der dem Ganzen auch noch einen naturwissenschaftlichen Segen erteilt, ein Top-Manager, der bestätigt, dass die Wirtschaft es auch so sieht: Ergo (im doppelten Sinne) muss es auch stimmen.

Fazit: Dieses Buch spricht eine gewisse Leserschaft durchaus an:

Den Lehrer, der jeden radebrechenden Unsinn gern als Akt der Kreativität umetikettiert, findet er doch hier eine Legitimation für sein Handeln.

Die Helikoptereltern, finden sie doch hier genug Munition für den nächsten Elternsprechtag.

Liebhaber der politisch korrekten Wortwahl, finden sie doch hier wohlklingende Euphemismen wie „Menschen mit nicht immer geraden Lebensläufen“.

Ansonsten ist die Begegnung „Hirnforscher trifft Top-Manager“ so interessant wie ein Dialog übers Wetter zwischen Karl-Heinz und Schorsch in irgendeiner Eckkneipe.

 

Markus Kaden