Warten bis der Arzt kommt – oder handeln?

Der VDL Hessen fordert:

A13 für Grundschullehrkräfte und Deputate für inklusives Arbeiten!

Warum?

Weil die Arbeitsbelastung ständig und stetig steigt, nicht aber Besoldung und Entlastung.

Hessen verfügte im April 2018 über 1161 Grundschulen mit 10879 Klassen und 214412 Schülerinnen und Schülern darin (Quelle: Hessisches Statistisches Landesamt, Flyer „Schulen in Hessen“, April 2018). Dass man hierfür eine immense Personaldecke zur Versorgung mit Lehrerstunden benötigt, ist keine höhere Mathematik. Die Personaldecke im Grundschulbereich fiel und fällt jedoch auch weiterhin dünn aus, da nach wie vor ein Mangel an ausgebildeten Grundschullehrkräften besteht. Das Kultusministerium hat mit der Lehrkräfteakademie intensiv durch Fort- und Weiterbildung an der Akquise neuer Lehrerinnen und Lehrer gearbeitet und setzt die Bestrebungen, endlich wieder genügend fachspezifisch ausgebildetes Personal zu bekommen, weiter fort. Der VDL Hessen begrüßt die bereits erfolgten und noch anstehenden Maßnahmen ausdrücklich und empfindet sie als wichtigen Schritt in die richtige Richtung.

Es bleiben jedoch ein paar „Aber..“ übrig, denn das Image der Grundschullehrkräfte (vermutlich des Lehrberufs allgemein) hat zum einen in den vergangenen Jahren gelitten. Zum anderen hat sich der Arbeitsalltag an den Hessischen Grundschulen deutlich verändert.

Ein kurzer Rückblick:

Der frühere Traumberuf vieler junger Frauen – Grundschullehrerin – wurde in den vergangenen Jahren seltener angewählt, wenn es um die Studienwahl ging. Zum einen, weil man bis vor ein paar Jahren noch lange auf eine Planstelle warten und hierfür meist auch flexibel sein musste, da diese oft im Rhein-Main-Gebiet angesiedelt waren. Zum anderen, weil andere Lehrämter eine höhere Besoldung mit sich brachten oder aber der Schritt in die freie Marktwirtschaft mit höheren Gehältern reizvoller erschien.

Gesellschaftlich in die Diskussion gerieten Grundschulen auch mit der Forderung der Elternschaft nach der Abschaffung der verbindlichen Grundschulempfehlungen zur weiteren Schullaufbahnwahl. Mit der Freigabe des Elternwillen und der Schulwahl verlor die Expertise der Grundschulkräfte an Wichtigkeit. Durch medial publizierte Elternratgeber, Diskussionsforen im Internet und via WhatsApp – um nur ein paar wenige Beispiele zu nennen – wurden pädagogische Kompetenzen im Primarbereich immer mehr auf den Prüfstand gestellt und nicht selten waren Eltern der Überzeugung, sie seien kompetenter als die Lehrkräfte ihrer Kinder. Gute Ratschläge und Tipps werden quasi täglich multimedial erteilt, wie man Unterricht gestalten und mit Kindern angemessen umgehen kann. Kurz und gut: allgemein wird die Expertise von Lehrkräften oft angezweifelt und an den Pranger gestellt.

Der Anwalt des Vertrauens wird im Notfall hinzu gezogen, wenn die Leistungen des Sprösslings nicht den elterlichen Vorstellungen entsprechen. Auch im Grundschulbereich werden immer häufiger auch juristisch die Weichen für die Zukunft der Kinder gestellt, denn nur mit Abitur steht man unserer Gesellschaft gut da. Scheinbar. Und auf die Gymnasialempfehlung – die sich Eltern zur Bestätigung ihrer eigenen Einschätzung zum Kinde dann doch erhoffen – wird ab Beginn des zweiten Schuljahres hingearbeitet.

Für unsere Grundschullehrkräfte haben sich die Arbeitsbedingungen in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Nicht nur die Zusammenarbeit mit Eltern ist schwieriger geworden. Auch die Schülerschaft ist pädagogisch – aber nicht unbedingt intellektuell – anspruchsvoller geworden: homogene Klassen findet man nirgends mehr. Stattdessen sind die Lehrerinnen und Lehrer im Primarbereich dazu angehalten, mehrfach zu differenzieren und auf die individuellen Bedürfnisse ihrer Schülerinnen und Schüler einzugehen. Festzuhalten sind diese organisatorischen Inhalte in Förderplänen, Fördervereinbarungen und Nachteilsausgleichen. Nebenbei sind ständig und stetig individuelle Leistungsstände festzustellen und die Wirksamkeit von Fördermaßnahmen zu evaluieren. Ohne spezialisierte Ausbildung wie im Bereich Förderschullehramt mutet dieser Teilbereich des Lehrkräftealltags an wie eine Sisyphos-Aufgabe.

Vom „familienfreundlichen Beruf“ mit „traumhaften Arbeitszeiten“ – wie man in Gesprächsrunden mit Nicht-Lehrern gerne mal hört – ist auch bei Teilzeitkräften nicht mehr viel zu sehen. Mit Vor- und Nachbereitung von Unterricht, dem Schreiben von Förderplänen, der Kooperation mit Fachdiensten und Beratungs- und Förderzentren, Elterngesprächen, Elterntelefonaten und Fort- und Weiterbildung (und die Aufzählung ließe sich auch noch weiter fortsetzen) ist eine Grundschulkraft ausgelastet. Von „Vormittags Recht und nachmittags frei“ kann keine Rede mehr sein. Der Korrekturaufwand bei Klassenarbeiten ist sicherlich nicht vergleichbar mit einem Leistungskurs Deutsch oder Englisch. Aber bei einer Grundschulklasse, die im Schuljahr 2017/18 statistisch aus 19,7 Schülerinnen und Schülern bestand, ist das Leistungsgefälle durch Inklusion und Integration von Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteigern groß.

Was ist eine Grundschullehrkraft heute?

Eine Grundschullehrkraft ist: Eltern-Ersatz, Erzieher/in, Kummerkasten, Pädagoge/Pädagogin, Therapeut/in, Erziehungsberater/in, Organisator/in, Begleiter/in, Ansprechpartner/in, Vermittler/in, Gegenwartsgestalter/in, Zukunftsgestalter/in, Weichensteller/in, Sekretär/in, Verwaltungsfachkraft, Raubtier-Dompteur/in, Tröster/in (die Liste ließe sich noch fortsetzen) und sogar noch Fachdidaktiker/in.

Bei den veränderten Bedingungen an Hessens Grundschulen ist es daher nur nachvollziehbar, dass die Lehrerinnen und Lehrer dort auch das Bedürfnis nach Wertschätzung ihrer Arbeit haben. Und diese nicht nur in Form von warmen Worten und einem Händedruck. Vielmehr durch eine angemessene Besoldung, da der Arbeitsaufwand sicherlich vergleichbar ist mit dem einer Förderschul- oder Haupt- und Realschullehrkraft.

Dem VDL Hessen ist es wichtig, dass in dieser Ausgabe der Zeitung diejenigen zu Wort kommen, die das Titelthema betrifft: Grundschullehrkräfte. Denn wer könnte besser aus dem Alltag berichten, als die persönlich Betroffenen?

 

„VDL informiert im Gespräch – 5 Fragen an: Esther Ringsdorf-Zörb, Grundschulrektorin“

 

Für die aktuelle Ausgabe der VDL informiert unterhielt sich die stellvertretende Landesvorsitzende Kerstin Jonas mit der Grundschulrektorin Esther Ringsdorf-Zörb.

 

Esther Ringsdorf-Zörb ist 42 Jahre alt und seit Beginn ihres Referendariates, 1999, Mitglied im VDL Hessen. Sie leitet seit 2006 eine Grundschule im Lahn-Dill-Kreis. Von 2014 bis 2016 war sie Gewerkschaftsbeauftragte für den dlh im Gesamtpersonalrat.

VDL informiert: Liebe Esther, als Schulleiterin hast du sicherlich schon einen Überblick, wie deine Schule und dein Kollegium personell auf das beginnende Schuljahr 2018/19 aufgestellt ist.

 

Esther Ringsdorf-Zörb: Ja, klar. Für meine Schule kann ich sagen, dass wir für das Schuljahr 2018/19 personell so gut wie noch nie ausgestattet sind.

 

VDL informiert: Wie sieht denn an deiner Schule die Unterstützung durch Schulsozialarbeit und Beratungs- und Förderzentren aus? Könnt ihr entspannt in das neue Schuljahr gehen?

 

Esther Ringsdorf-Zörb: Entspannt nicht, aber zuversichtlich. Ich habe – wie bereits in den letzten Jahren – ausreichend BFZ-Stunden. Das ist gut und wichtig. Und ich darf mich über eine halbe Sozialpädagogenstelle im Rahmen der UBUS-Zuweisung freuen, die auch schon seit Mai besetzt ist. Auch das funktioniert sehr gut.

 

VDL informiert: Habt ihr noch weitere Ressourcen, die euch im Arbeitsalltag stärken werden?

 

Esther Ringsdorf-Zörb: Seit dem 01.08.2018 nehmen wir am „Pakt für den Nachmittag“ teil. Hier hat sich das Ministerium für eine Mindestzuweisung an Lehrerstellen für kleine Grundschulen entschieden, so dass meine Schule auch im Ganztagsbereich super ausgestattet ist. Ich denke, dass das alles richtige Wege der Landesregierung sind, die weiter gegangen werden sollten. Natürlich kann man immer noch mehr fordern, aber diese Legislaturperiode hat meines Erachtens den Schulen viel Gutes gebracht. Und zwar auch den kleinen Schulen auf dem Land.

 

VDL informiert: Dann gibt es in deinen Augen nichts, was für den Bereich der Grundschulen noch besser werden kann? Oder hättest du noch Verbesserungsvorschläge, an denen das Ministerium und die Landesregierung ansetzen könnten?

 

Esther Ringsdorf-Zörb: Wünsche gibt es immer. Aber man sollte realistisch bleiben. Vieles hat sich verbessert. Ich beobachte allerdings eine steigende Unzufriedenheit darüber, dass Grundschullehrkräfte schlechter bezahlt werden als andere Lehrer. Es wird einfach als ungerecht empfunden, wenn die Grundschullehrer nicht die Besoldung nach A 13 bekommen. Die Regelstudienzeit für Grundschullehrer ist die gleiche wie bei Lehrkräften an Haupt- und Realschulen. Und die Aufgaben steigen immer weiter.

 

VDL informiert: Was genau hat sich denn an den Aufgaben der Grundschullehrkraft verändert bzw. was ist mehr geworden?

 

Esther Ringsdorf-Zörb: Inklusion, Neuankömmlinge ohne Sprachkenntnisse, Förderpläne und Schulprogrammarbeit. Mehr Zusammenarbeit mit außerschulischen Institutionen wie Erziehungsberatungsstellen. Die Aktivitäten am Nachmittag sind zu planen und durchzuführen. Man legt natürlich auch Wert auf die Zusammenarbeit mit den Ortsvereinen. Wir haben heutzutage Fachleiter und Beauftragte für alles Mögliche – vom Datenschutz bis zur Verkehrserziehung. Das ist alles gut und schön. Aber für die Kolleginnen und Kollegen auch alles „on top“. Denn Schreiben und Rechnen sollen wir den Kindern ja auch noch beibringen. Und ich habe noch nicht über die gestiegenen Herausforderungen im erzieherischen Bereich gesprochen. Noch ein Stichwort: Der qualifizierte Umgang mit völlig unterschiedlichen Leistungsniveaus. Grundschulen haben immer alle Kinder aus ihrem Einzugsgebiet. Reicht die Aufzählung oder soll ich weitermachen?

 

VDL informiert: Das reicht in der Tat. Vielen Dank für das Gespräch.

 

„VDL informiert im Gespräch – 5 Fragen an: Nadja Wulfert, Grundschullehrerin“

 

Für die aktuelle Ausgabe der VDL informiert unterhielt sich die stellvertretende Landesvorsitzende Kerstin Jonas mit der Grundschullehrerin Nadja Wulfert.

 

Nadja Wulfert ist 38 Jahre alt, verheiratet und Mutter von zwei Kindern (4 und 8 Jahre alt). Sie ist seit 2007 ausgebildete Grundschullehrerin und insgesamt seit 14 Jahren im hessischen Schuldienst tätig. Seit 2012 ist sie mit einer Planstelle an der Otto-Dönges-Schule in Nidda.

„Die Arbeit mit Kindern hat mir schon immer Spaß gemacht. Mit 19 Jahren entschied ich mich, Grundschullehrerin zu werden. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf war neben der Arbeit mit Kindern ein Hauptargument, diesen Beruf zu ergreifen.“ – Nadja Wulfert

 

VDL informiert: Liebe Nadja, es freut mich, dass du dich bereit erklärt hast, mir heute ein wenig Rede und Antwort zu stehen zu einem Thema, was derzeit viele Gemüter erhitzt und beschäftigt. Nämlich der berufliche Alltag einer Grundschullehrkraft im Zeitalter von Inklusion und Integration von Seiteneinsteigern bei gleichzeitigem Lehrkräftemangel, höchster Wochenarbeitszeit und niedrigster Besoldung im Vergleich zu den anderen Lehrämtern.

Zu allererst interessiert mich Folgendes: Nimmst du allgemein eine Veränderung der Schülerschaft wahr? Du bist jetzt seit 14 Jahren im Schuldienst und hast sicherlich ein paar Beobachtungen machen können.

 

Nadja Wulfert: Ein Vergleich „früher“ und „heute“ fällt mir selbst schwer. 14 Jahre Schuldienst sind kein ausreichend langer Zeitraum für valide Aussagen. Aber von Kolleginnen und Kollegen mit mehr Berufserfahrung höre ich immer wieder, dass sich die Schülerschaft deutlich verändert hat. Ich selbst nehme wahr, dass es seit geraumer Zeit sehr viele „zappelige“ und verhaltensauffällige Kinder gibt. Zu Hause wird sich teilweise weniger intensiv mit den Kindern beschäftigt. Viele Kinder sind sich selbst überlassen, schauen TV wann sie möchten und wählen auch frei aus, was sie sehen. Sehr viele Grundschulkinder erzählen auch, dass sie bereits einen eigenen TV im Kinderzimmer haben. In der Freizeit „jagt entweder ein Termin den anderen“ (Insel-Kinder) oder die Kinder beschäftigen sich mit neuen Medien: viele Grundschulkinder nutzen bereits ein Smartphone mit WhatsApp, was eigentlich erst ab 16 Jahren erlaubt ist. Sie schauen sich auch verschiedenste Videos im Internet an, denen sie inhaltlich noch gar nicht gewachsen sind. Viele Kinder, gerade Jungs, benutzen regelmäßig Spielekonsolen, an denen sie bereits Spiele für Erwachsene spielen, was sie total normal finden und die sie auch von den Eltern gekauft bekommen, obwohl sie noch viel zu jung dafür sind. Insgesamt lassen sich viele Kinder den ganzen Tag berieseln und nehmen eher passiv am Leben teil. Ich habe das Gefühl, soziale Kontakte gibt es mit zunehmendem Alter immer häufiger nur im virtuellen Leben, aber nicht mehr „in echt“. Das klassische Spielen miteinander draußen auf der Straße oder im Park gibt es kaum noch. Ich erlebe in der Schule auch immer wieder Kinder, die sich nicht an Regeln halten können und wollen, weil sie sie gar nicht mehr im normalen Miteinander gelernt haben, so wie es in unserer Kindheit und Jugend noch war. Und die Anzahl der Kinder, die keine Impulskontrolle haben (z.B. auf andere mit Stühlen losgehen, schnell zuhauen oder treten, usw.) hat deutlich zugenommen. Diese Mädchen und Jungen können auch mit Frustration kaum noch umgehen. Es fehlen Handlungsmöglichkeiten, die faire Konfliktlösungen wären. Stattdessen wird zugeschlagen oder gewütet. Besonders im Sportunterricht fällt auf, dass sich Kinder immer weniger sicher bewegen können: sie haben Schwierigkeiten mit dem Gleichgewicht, mit der Fein- und Grobmotorik und mit der Koordination einfachster Bewegungsabläufe. Kinder werden heutzutage von den Eltern oft vernachlässigt oder – als anderes Extrem – oft überbehütet. Diese „Helikopter-Eltern“ trauen ihren Sprösslingen immer weniger zu und wollen alles unter Kontrolle haben. Damit verwehren sie ihren Kindern wichtige Selbsterfahrung und trainieren ihnen regelrecht die Hilflosigkeit im Alltag an.

Was aber meine Arbeit als Grundschullehrerin am meisten verändert hat, ist die zunehmende Anzahl an Kindern mit Lernbehinderungen und emotional-sozialen Entwicklungsstörungen. Auch der Anteil von „Kindeswohlgefährdungen“ nimmt leider zu. Die Zusammenarbeit mit Eltern und Jugendhilfe ist zeitweilen sehr kräfteraubend, belastend und zeitintensiv geworden.

 

VDL informiert: Du hast gerade gesagt, dass die Zusammenarbeit mit den Eltern sich „zeitweilen sehr kräfteraubend, belastend und zeitintensiv“ gestaltet. Hat sich die Zusammenarbeit im Laufe der Zeit verändert? Wie nimmst du sie wahr?

 

Nadja Wulfert: Meine Zusammenarbeit mit Eltern erlebe ich bis jetzt insgesamt als gut. Natürlich gibt es aber auch immer einmal Ausnahmen, wo ich Eltern weder telefonisch noch schriftlich erreiche, Gesprächstermine einfach nicht wahrgenommen werden oder die Schulsozialarbeit eingeschaltet werden muss. Ich erlebe es leider häufiger, dass Eltern ihre Kinder und deren Verhalten verteidigen oder sie in Schutz nehmen à la „Zuhause ist xy aber ganz anders…“. Das sind die Momente, in denen man sich als Lehrkraft nicht ernst genommen fühlt. Ich erlebe es aber selten, dass ich als Lehrerin von Eltern direkt persönlich angegriffen werde. Problematisch ist aber, dass sich Eltern oft in WhatsApp-Gruppen über Lehrkräfte und auch andere Schülerinnen und Schüler austauschen. Das grenzt oft an Mobbing im virtuellen Rahmen und heizt unnötig die Stimmung innerhalb einer Klassengemeinschaft an.

Elternschaft hat sich insgesamt verändert. Für viele bringt es eine Überforderung mit sich, Beruf und Familie zu vereinbaren, weil der Wunsch nach beruflicher Selbstverwirklichung da ist, aber eben auch der nach Familiengründung. Viele Unterschätzen die Zeit, die ein Schulkind in Form von Aufmerksamkeit seiner Eltern benötigt. Gerade am Anfang, wenn es um das Erlernen von Strukturen beim Lernen und Erledigen der Hausaufgaben oder schlicht dem Ordnen von Arbeitsmaterialien geht. Oft gibt es auch nur noch ein Elternteil, weil die Scheidungsrate massiv zugenommen hat. Bei so genannten „Wechsel-Modellen“ muss man dann auch noch gelegentlich mit zwei Elternteilen parallel zusammenarbeiten, weil es nicht mehr möglich ist, gemeinsam an einem Tisch zu sitzen zu Gunsten des Kindes. Immer häufiger kommt es in meinem Beruf vor, dass ich die Vermittlerin zwischen Eltern, Schulsozialarbeit und/oder Jugendhilfe bin. Es macht mich wütend und traurig zugleich, wenn ich viel Zeit und Nerven investiere, um einer Familie zu helfen und meine Hilfe dann aber nicht angenommen wird.

Besonders anstrengend erlebe ich Eltern, die der festen Überzeugung sind, dass sie ein hochbegabtes Kind haben, dessen Schullaufbahn schon im 2. Schuljahr auf das Gymnasium abzielt und das später mindestens in die Nachfolge Albert Einsteins tritt. Diese Eltern stellen dann auch entsprechende Forderungen und Erwartungen an die Lehrkräfte und deren Arbeit. Erreicht das Kind dann keine Gymnasialempfehlung, dann ist sicherlich die Arbeit der Grundschullehrkraft daran schuld und nicht etwa das Lernverhalten des Kindes oder schlichtweg dessen Begabung.

 

VDL informiert: Du hast von einer Veränderung der Schülerschaft und der Eltern gesprochen. Haben sich denn auch die Arbeitsbedingungen in der Schule verändert? Entsprechen sie den Vorstellungen, die du vor Beginn des Schuldienstes davon hattest?

 

Nadja Wulfert: Als erstes kann ich dazu sagen, dass ich mich insgesamt sehr schlecht auf die „Schulrealität“ vorbereitet fühlte. Sowohl im Studium als auch im Referendariat kam der Praxisbezug viel zu kurz. Wie man eine Schülerakte führen muss oder wie man einen Förderplan schreibt, hat mir z.B. nie jemand erklärt. Wie man Elterngespräche führt (insbesondere schwierige) oder wie man mit Störungen im Unterricht ganz konkret umgeht, das kam auch viel zu kurz. Die Wichtigkeit von Aktennotizen, um die eigene Arbeit bei schwierigen Schülerinnen, Schülern und Eltern zu dokumentieren, habe ich erst im Laufe meiner Arbeit als ausgebildete Lehrerin gelernt. Ich musste aber erst in kritische Situationen kommen, um die Notwendigkeit von Dokumentation kennen zu lernen. Auf die negativen Aspekte und darauf, dass man manchmal mit einem Bein im Gefängnis steht, wenn man nicht aufpasst, wurde ich nicht wirklich vorbereitet.

Auch das Schreiben von Zeugnissen mit Kompetenzeinschätzung will gelernt sein. Ebenso das Schreiben von Zeugnissen für Kinder mit Inklusiv-Status oder aus Intensivklassen. In meiner Ausbildung wurde das maximal kurz angeschnitten, aber eigentlich wird erwartet, dass man sich das nebenbei – im besten Fall noch mit Hilfe von erfahrenden Kolleginnen und Kollegen – aneignet.

 

VDL informiert: Du hast gerade Kinder mit Inklusiv-Status und aus Intensivklassen erwähnt. Wie fühlst du dich als Grundschullehrkraft mit den aktuellen Veränderungsprozessen „Inklusion“ und „Integration von Seiteneinsteigern“?

 

Nadja Wulfert: Ich fühle mich als Grundschullehrerin überfordert mit all den Aufgaben, die ich täglich bewältigen muss. In erster Linie deswegen, weil man nie darauf vorbereitet wurde. Ich wollte Grundschullehrerin werden, weil ich Kindern Lesen, Schreiben, Rechnen und viele andere Dinge des Alltags beibringen wollte. Manchmal habe ich den Eindruck, als ob das nur noch „Nebensache“ sei. Vielmehr arbeite ich täglich als Sozialarbeiterin, Bürokraft, (Heil-)Erzieherin, Telefonistin, Hausmeisterin, Therapeutin, Seelsorgerin und Ernährungsberaterin. Ja, ich erkläre sehr oft Eltern und Kindern gleichermaßen, wie so ein gesundes Schulfrühstück aussehen sollte und warum Pizza, Schokoriegel und Kekse kein angemessenes Pausenbrot abgeben.

Was die Inklusion angeht, so fühle ich mich alleingelassen von der Politik. Generell bin ich ein Freund der Inklusion, doch es gibt auch Grenzen. Mit Lernbehinderungen und leichten Verhaltensauffälligkeiten kann ich als Grundschullehrerin noch ganz gut umgehen. Ich habe in meiner

Ausbildung gelernt zu differenzieren, allerdings habe ich nie gelernt zu diagnostizieren. Ich bin also unbedingt auf BFZ-Kräfte in meiner Arbeit als Grundschullehrerin angewiesen. Da ich mir die BFZ-Lehrkraft aber mit anderen Lehrkräften teilen muss, ist es sehr mühsam und manchmal fast unmöglich, die Unterstützung zu bekommen, die ich mir wünschen würde. Zum Beispiel, eine dauerhafte Doppelsteckung im Unterricht.

Die „Flüchtlingswelle“ hat uns alle überrumpelt. Auch damit fühle ich mich als Lehrerin überfordert. Kinder in die Klasse zu bekommen, die kein Wort Deutsch sprechen und noch dazu stark traumatisiert sind, hat mich an meine Grenzen gebracht. Wie soll man das hinbekommen – mit einer Klassengröße von 24 Kindern – einem Kind „nebenbei“ Deutsch beizubringen und es emotional aufzufangen? Deutsch als Zweitsprache war nicht Bestandteil meiner Ausbildung. Natürlich gibt es eine Fülle von Angeboten, um sich diesbezüglich fortzubilden, aber wann und mit welcher Kraft soll man das noch schaffen? Alles muss zusätzlich zum normalen Schulalltag mit Vor- und Nachbereitungszeiten erfolgen. Und dann ist so eine Weiterbildung auch häufig noch mit hohen Kosten und langen Wegen verbunden. Als Teilzeitkraft mit Familie? Unmöglich! Auch wenn ich mich gerne auf die Bedürfnisse der Kinder einstellen würde. Mir fehlen einfach Zeit und Kraft dafür.

 

VDL informiert: Du hast einige Aspekte angesprochen, die du in deiner täglichen Arbeit als überfordernd und negativ wahrnimmst. Wenn du dir etwas wünschen könntest: was würde deine Arbeit positiver gestalten, leichter machen und dir ein besseres Gefühl vermitteln?

 

Nadja Wulfert: An der aller ersten Stelle steht da weniger Arbeitszeit pro Woche. Wir haben im Grundschulbereich die höchste Wochenarbeitszeit von allen Lehrämtern, die heterogenste Schülerschaft und sollen dabei noch vielfach differenziert den Grundstein für die komplette Schullaufbahn legen. Das kann nicht funktionieren.

Außerdem wünsche ich mehr Lohn für meine anstrengende Arbeit – um es genauer zu sagen: die A13. Das wäre eine finanziell spürbare Wertschätzung für die engagierten Grundschullehrerinnen und –lehrer, die jeden Tag ihr Bestes geben, um Kinder aufs Leben und die weiterführenden Schulformen vorzubereiten.

Ich wünsche mir auch eine Doppelbesetzung durch Förderschullehrkräfte in jeder Klasse oder kleinere Klassen (max. 15 Kinder), in denen wir Grundschullehrkräfte dann auch die Möglichkeit hätten, selbst individueller und differenzierter arbeiten zu können.

Und wir brauchen mehr Schulsozialarbeiter an den Grundschulen. Nicht nur eine halbe Stelle pro Schule, so wie es gerade mit den UBUS-Kräften läuft.

Ich wünsche mir auch, dass alle Schulen und Klassenräume modernisiert werden und an die veränderten Bedingungen / Anforderungen angepasst werden. Konkret wären das größere Räume mit Nebenraum zum Differenzieren, höhenverstellbare Tische, Whiteboard, Beamer, etc.

Und wir brauchen ganz dringend Kooperationsstunden, die als Unterrichtszeit gelten und nicht noch on top kommen: für Jahrgangsteams, die sich beraten, unterstützen und gemeinsam Unterricht vorbereiten, wobei die Lehrkräfte ihre positiven Erfahrungen oder Strategien an andere Lehrkräfte weitergeben können; und für die Zusammenarbeit zwischen den Klassenlehrkräften und den BFZ-Kräften und anderen Fachdiensten bei Kindern mit besonderem Förderbedarf oder bei Seiteneinsteigern.

Arbeitsplätze in der Schule wären auch ein riesiger Fortschritt. Dann kann jede Lehrkraft seine Vor- und Nachbereitung des Unterrichts an seinem Arbeitsplatz in der Schule erledigen, wo Computer, Kopierer und Unterrichtswerke vor Ort sind.

Ein Klassentelefon bzw. Handy für Notfälle wäre auch toll. Zum Beispiel wenn ein Kind ausrastet und Hilfe geholt werden muss. Verlässt man die Klasse, verletzt man seine Aufsichtspflicht.

Traumhaft wäre ein Auszeit-Raum mit „Bereitschaftsdienst“ der Schulsozialarbeiter, wo man ein Kind hinschicken könnte, wenn es einfach mal raus muss aus der Klasse um sich selbst und auch dem Rest der Klasse eine Auszeit voneinander möglich zu machen.

Und letzten Endes wünsche ich mir mehr praxisorientierte Fortbildung, die nicht in den Ferien oder am Wochenende stattfindet, sondern zu meiner Arbeitszeit gehört und die mich voran bringt.

Und ich wünsche mir eine Lehrerausbildung, die tatsächlich auf den Schulalltag vorbereitet: mit all seinen Seiten!

 

Wir wollen nicht warten bis der Arzt kommt! Wir wollen handeln!

Der VDL Hessen will nicht warten, bis die Arbeitsbelastung der Hessischen Grundschullehrkräfte die persönlichen Ressourcen übersteigt. Der VDL Hessen möchte verhindern, dass Resignation und Überlastung in die Grundschul-Lehrerzimmer einziehen.

Vielmehr richtet der VDL Hessen seinen Appell an das Kultusministerium und die Landesregierung:

  • Verordnen Sie A13 für Grundschullehrerinnen und Grundschullehrer!

  • Verordnen Sie Deputate für inklusives Arbeiten und damit eine Reduktion der Wochenarbeitszeit an Grundschulen!

  • Zeigen Sie Hessens Grundschullehrkräften, dass ihre Arbeit wertvoll und von Belang ist!

  • Wertschätzen Sie die Arbeit an Grundschulen durch eine Anhebung der Besoldung!

  • Wertschätzen Sie den Einsatz der Lehrkräfte für die Inklusion durch Deputate für die Kooperation und Koordination von inklusiver Förderung!

  • Werten Sie den Beruf der Grundschullehrkraft wieder auf!

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