70 Jahre dlh – Rückblick auf die Feierlichkeiten am 05.09.2018 in Frankfurt

Impressionen von den Jubiläums-Festivitäten

Am 05.09.2018 begrüßte die dlh-Landesvorsitzende Edith Krippner-Grimme gemeinsam mit den Landesleitungsmitgliedern (Roselinde Kodym, Annabel Fee, Kerstin Jonas, Monika Otten, Volker Weigand, Jürgen Hartmann) zahlreiche Gäste in der Aula des Goethegymnasiums Frankfurt am Main.

Nach einem zwanglosen „Get together“ bei Häppchen und Getränken, stimmten ein Streicher-Quartett sowie eine Solistin des Goethegymnasiums die Festgemeinde auf den feierlichen Nachmittag ein. Der Schulleiter des Goethegymnasiums, Claus Wirth, richtete im Anschluss seine Grußworte an die Mitglieder der dlh-Gliedverbände sowie an die geladenen Vertreterinnen und Vertreter des Landtags, des Kultusministeriums, der Lehrkräfteakademie, des dbb und der Bundesverbände der dlh-Verbände. Er sprach über die gemeinsam verfolgten Ziele, die den glb, den HPhV und den VDL in den vergangenen 70 Jahren einten und appellierte an die nachfolgenden dlh-Generationen, auch weiterhin schlagkräftig zusammenzustehen und sich für das gegliederte Schulwesen einzusetzen.

Grußworte sprachen auch die Bundesvorsitzende des Philologenverbands, Susanne Lin-Klitzing, der Bundesvorsitzende des BvLB, Joachim Maiß, und der Bundesvorsitzende des VDR, Jürgen Böhm. Alle drei bedankten sich für die Einladung zu den Feierlichkeiten und unterstrichen die Notwendigkeit, starke Bündnisse zu bilden, um Bildungspolitik effektiv mitgestalten zu können.

Als besonderes Highlight konnte der dlh-Landesvorstand den Wirtschaftspsychologen Prof. Dr. Matthias Spörrle gewinnen, der über das menschliche Entscheidungsverhalten referierte. Dieses sei immer geprägt von Emotionen und Vorwissen. Prof. Dr. Spörrle informierte kurzweilig, pointiert und interaktiv über irrationale Ängste, Denk-Abkürzungen sowie Präferenzen beim menschlichen Entscheidungsverhalten.

Prof. Dr. Spörrle konnte auch als Moderator für die Podiumsdiskussion der bildungspolitischen Sprecher der Landtagsfraktionen gewonnen werden. Wolfgang Greilich (FDP), Daniel May (Bündnis ´90/ Die Grünen), Bodo Pfaff-Greiffenhagen (CDU) und Turgut Yüksel (SPD) konnten ihre wesentlichen Standpunkte zu schulischen Themen deutlich machen und diese kontrovers diskutieren. Auch die anwesenden Gäste konnten sich an diesem Austausch beteiligen und den Abgeordneten Denkanstöße mitgeben.

Heini Schmitt vom dbb Hessen ließ es sich nachfolgend ebenso wenig nehmen, Grußworte zu sprechen, wie auch Jörg Meyer-Scholten, der als Vertreter des Kultusministeriums anwesend war.

Jürgen Hartmann richtete anschließend als Landesvorsitzender des HPhV sein Wort an die Anwesenden, ebenso die Landesvorsitzende des glb, Monika Otten.

Auch unsere stellvertretende Landesvorsitzende, Kerstin Jonas, durfte einige ihrer Gedanken und die der Mitglieder des VDL Hessen an die Gäste richten. Ihre Rede möchten wir Ihnen an dieser Stelle auch nicht vorenthalten:

„Liebe anwesenden Kolleginnen und Kollegen, liebe Ehrengäste,

zunächst möchte ich Ihnen herzliche Grüße des Landesvorsitzenden des VDL Hessen, Herrn Jörg Leinberger, überbringen, der aufgrund einer Erkrankung heute leider nicht persönlich anwesend sein kann. Er lässt dem dlh-Bündnis seine Glückwünsche zum 70jährigen Jubiläum ausrichten.

An seiner Stelle ist es mir eine Ehre, als stellvertretende Landesvorsitzende zum feierlichen Anlass das Wort ergreifen zu dürfen.

Als Vertreterin eines Verbandes im dlh-Bündnis, der insbesondere Grund-, Haupt-, Förder- und Realschullehrkräfte vertritt, möchte ich den Fokus meiner Worte an Sie, werte Gäste, insbesondere auf die Bedürfnisse der Lehrkräfte an diesen Schulformen legen.

Wir mussten in den letzten Jahren mit zunehmender Geschwindigkeit wahrnehmen, welche nachhaltigen und gravierenden Veränderungen im hessischen Schulwesen erfolgt sind. Dadurch hat sich das Berufsbild der Lehrkräfte weiterentwickelt. Dies wird zunehmend durch gesellschaftliche und elterliche Forderungen, Wünsche und Vorstellungen an ein Schulsystem verstärkt.

Insbesondere im Elementarbereich, aber auch im Sekundarstufenbereich, muss Schule zunehmend Aufgaben übernehmen, die ursprünglich – und eigentlich auch nach wie vor – im familiären Bereich anzusiedeln sind. So stehen Sozialisation, Integration, Inklusion, Förderung und Erziehung auf der täglichen Agenda einer Lehrkraft. Grenzen zwischen elterlichen und schulischen Aufgaben verschwimmen immer mehr, ohne dass der Großteil der Eltern als echter Kooperationspartner zum Wohle des Kindes für Schule greifbar ist. Vielmehr werden von Elternseite Erwartungen an die Lehrkräfte gestellt, die in – mal mehr, mal weniger – lauten Zwischentönen vermitteln, dass deren Pädagogik und Didaktik nicht passend für die Kinder sind. Nicht selten erlebt man auch Mütter und Väter, die versuchen, am Schulalltag teilzunehmen, um die Leistung der Lehrkräfte zu überprüfen oder ihnen Tipps zum Besseren Umgang mit ihren Töchtern und Söhnen zu geben. Elterngespräche am Nachmittag, Telefonate am Abend und Zwischen-Tür-und-Angel-Austausche nehmen ständig und stetig zu. Nicht nur mit Erziehungsberechtigten, sondern auch mit Fachdiensten jeglicher Art.

Zusätzlich zum veränderten Berufsbild kämpfen Hessens Schulen aber auch mit einem zunehmenden Mangel an gut ausgebildeten Lehrkräften, insbesondere im Grund- und Förderschulbereich und in sogenannten Mangelfächern. Ein Anheben der Ausbildungskapazitäten an Universitäten ist sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung, kompensiert jedoch nicht den aktuellen Lehrermangel, insbesondere an Grundschulen. Weiterqualifizierungsangebote der Lehrkräfteakademie waren und sind ein weiterer Versuch, Personallöcher zu stopfen. Diese sichern zwar die Fachlichkeit der neuen Grundschullehrkräfte durch die Verzahnung von Praxis und Fortbildung. Aber um den Mangel langfristig beheben und eine sichere Personalabdeckung gewährleisten zu können, muss das Grundschullehramt attraktiver werden. Unter anderem durch kleinere Klassen, eine höhere Besoldung und vor allem einer deutlichen Absenkung der Pflichtstunden. Letzteres brächte eine spürbare zeitliche Entlastung – insbesondere für das inklusive und integrierende Arbeiten.

Aber nicht nur das Ansehen der Grundschule muss bildungspolitisch im Blickfeld sein. Durch die Freigabe des Elternwillens haben wir in Hessen eine ganze Schulform verloren: die Hauptschule. Diese in ihrer Eigenständigkeit sang- und klanglos abzuwickeln, war ein großer Fehler. Vielmehr hätte eine Imagekampagne durch intensive und mit entsprechendem Personal ausgestattete Kooperationen z.B. mit Ausbildungsbetrieben und Lehrbauhallen erfolgen müssen, die Perspektiven eröffnet hätte. Denn unsere Hauptschüler gibt es noch. Eine auf sie zugeschnittene, eigenständige Schulform mit ausbildungsorientierten, praxisnahen Inhalten allerdings nicht mehr.

Auch die Realschule steht auf dem Prüfstand. Der mittlere Bildungsabschluss hat in Hessen sicherlich eine wesentlich höhere Akzeptanz als der Hauptschulabschluss. Waren früher aber viele Ausbildungsberufe klassische Realschul-Berufe, so benötigt man heute oft das Abitur oder Fachhochschulreife, da Betriebe Abiturienten oft bevorzugen. Auch wenn sich die Industrie- und Handelskammer oder Vereinigungen wie „Das Handwerk“ aktuell durch Werbekampagnen wesentlich häufiger in die Erinnerung von Schülerinnen und Schülern rufen, so fehlen doch tausende Auszubildende hessenweit. Die Realschule muss wieder mehr als ein wesentlicher Pfeiler unseres Bildungssystems ins Bewusstsein unserer Gesellschaft gelangen. Nicht jede Schülerin, nicht jeder Schüler braucht einen Hochschulabschluss, um beruflich erfolgreich zu sein. Unser hessisches Bildungssystem ermöglicht lebenslanges Lernen. Es gibt keine Sackgassen, sondern vielfältige Weiterentwicklungs- und Aufbaumöglichkeiten.

Denn das hessische Schulsystem ist – noch – so vielfältig wie seine Schülerinnen und Schüler: es ermöglicht jedem Kind, jedem Jugendlichen, in seinem individuellen Tempo und mit individuellem Lernniveau zu lernen und zu reifen. Wenn man – und damit meine ich vorrangig die Eltern – es zulässt. Denn nichts ist schlimmer für unsere Kinder und Jugendlichen, als täglich vollkommen überfordert mit einem Lernumfeld konfrontiert zu sein, in dem sie vor Augen geführt bekommen, dass sie den Anforderungen nicht gewachsen sind.

Und das führt mich zu den Förderschulen, die glücklicherweise in großen Teilen Hessens noch existieren. Diese professionell arbeitenden, gut ausgestatteten Schulen haben nach wie vor ihre Daseinsberechtigung und Notwendigkeit in ihrer Existenz. Denn nicht für jedes Kind ist die Schullaufbahn im Regelsystem die richtige. Bitte verstehen Sie, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, dies nicht als Plädoyer gegen Inklusion. Vielmehr ist dies ein Appell, auf Individualität einzugehen. Und diese erfordert manchmal auch einen Schon- und Trainingsraum, den ein Regelsystem nicht bieten kann. Inklusion muss immer am Kindeswohl orientiert sein. Und nicht ideologisch verfolgt werden, wenn die Rahmenbedingungen – gesellschaftlich und schulisch – nicht passen.

Lassen Sie mich abschließen mit einigen Wünschen, nein, Forderungen, die der VDL Hessen an die aktuelle und zukünftige Landesregierung stellt:

  • Zeigen Sie den Hessischen Lehrkräften durch eine angemessene Anhebung der Besoldung Ihre Wertschätzung!
  • Erhalten Sie den Beamtenstatus!
  • Senken Sie spürbar die Wochenarbeitszeit für alle Lehrkräfte, insbesondere von denen im Grundschulbereich!
  • Erhöhen Sie die Schuldeputate, damit Lehrkräfte mit besonderen Aufgaben entsprechend entlastet werden können!
  • Reduzieren Sie die Klassengrößen!
  • Ermöglichen Sie eine Inklusion mit Augenmaß und orientiert am Kindeswohl; damit verbunden auch den Erhalt des Förderschulsystems mit seinen professionell ausgebildeten Lehrkräften und entsprechend passgenauer Ausstattung!
  • Bewilligen Sie bauliche Maßnahmen, die über die übliche Sanierung hinausgehen, damit Schulgebäude passgenauer sind für die veränderte Schülerschaft und deren Förderung (Barrierefreiheit, Lärmschutz und Raumklima, Lernlandschaft, Differenzierungsmöglichkeiten, Lehrerarbeitsplätze, Besprechungszimmer, Räumlichkeiten für Fach- und Beratungsdienste)!
  • Stärken Sie das gegliederte Schulwesen, indem Kinder begabungsgerecht gefördert werden können!
  • Führen Sie eine offene und ehrliche gesellschaftspolitische Diskussion, was Schule heute eigentlich leisten soll; stellen Sie entsprechend dieser Ansprüche an Schule dann auch die entsprechende räumliche, sächliche und vor allem personelle Ausstattung bereit; letzteres beinhaltet auch Personen unterschiedlicher Professionen! Wenn solche Gespräche stattfinden, ist der VDL Hessen gern Gesprächspartner und wird versuchen, die Schule der Zukunft wesentlich mitzugestalten.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit!“

Da die zahlreichen Vorrednerinnen und -redner sich inhaltlich primär auf die gymnasiale und berufliche Bildung sowie insbesondere auf die Digitalisierung bezogen, konnte unsere stellvertretende Landesvorsitzende ihre Rede ohne nennenswerte Kürzungen vortragen. Sie ergänzte noch, dass insbesondere die Seiteneinsteiger nicht aus dem Blickfeld des Ministeriums geraten dürfen. Ihr war es ein besonderes Anliegen, dass das Anrecht der Schülerinnen und Schüler auf Intensivsprachkurse und -klassen nicht einfach nach 2 Jahren enden dürfen. In der Praxis falle regelmäßig auf, dass die Kinder auf nach „intensivem Sprachbad“ und Förderung nicht in der Lage seien, eigenständig Hausaufgaben zu machen oder sich auf Klassenarbeiten vorzubereiten. Um den Bogen zur Digitalisierung zu spannen, resümierte sie, dass diese nur dann möglich sei, wenn alle Kinder und Jugendlichen die sprachlichen Voraussetzungen mitbringen, die zur Nutzung digitaler Medien notwendig seien. Andernfalls sei die Digitalisierung ein „totes Pferd und tote Pferde kann man bekanntlich nicht reiten“.

Abschließend bedankten sich Monika Otten, Kerstin Jonas und Jürgen Hartmann mit einem Blumengruß bei Edith Krippner-Grimme für ihr Engagement bei der Vorbereitung der Feierlichkeiten zum 70jährigen dlh-Jubiläum. Diese verabschiedete dann die Gäste und beendete die Veranstaltung, verbunden mit der Hoffnung, dass der dlh in 30 Jahren dann als starke Allianz das 100jährige Jubiläum begeht.

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